78 best-art4u 22.08.04 23:15 |
Hallo zusammen,
hoffe das liest noch jemand. Bin zufällig bei der Suche nach Kunst und Ebay auf diese Diskussion gestoßen. Es wurde ja mal bemängelt, dass kein Künstler mitdiskutiert. Ich bin zwar selbst auch keiner, kenne mich aber relativ gut aus und ich kenne eine hervorragende Malerin, die seit fast 20 Jahren als Künstlerin arbeitet.
Seit Jahren versuche ich, sie dazu zu überreden, einige Bilder auf Ebay anzubieten. Sie hat immer abgelehnt, mit der Begründung, sie verramsche ihre Bilder nicht ... und 99 Prozent der in Ebay angebotenen Bilder sei Schrott (da hat sie leider Recht), da mache sie nicht mit ... schließlich mache deshalb auch kein bekannter Künstler mit ...
Vor einigen Tagen war sie plötzlich bereit dazu - allerdings nur, wenn ihr Name nicht in der Auktion genannt wird - also habe ich unter dem Namen best-art4u einige Bilder eingestellt, und zwar einige alte Arbeiten aus den 80er Jahren (ihrer "Lehrzeit") und einige neue, die sie speziell für Ebay angefertigt hat. Nun zu den Erfahrungen.
Von den alten Bildern wurde eines verkauft für 32 Euro. Es war ein Ölkreidebild, ein Katzenkopf in Ölkreide gemalt, so perfekt fast wie ein Foto. (Wer will, kann ein jpg-Bild bekommen, soll mir halt mailen.) Dazu hatte die Künstlerin damals mehrere Tage gebraucht, der Stundenlohn lag also bei weit unter einem Euro.
Von den neuen Bildern in Acrylmischtechnik auf Leinwand wurden drei verkauft, eins für knapp 50 Euro und zwei für je 24 Euro. Bei den alten Bildern hatten wir einen Startpreis von 1 Euro, bei den neuen 24 Euro.
Beim Auswerten dieses Misserfolgs fanden wir folgende Ursachen: Die Auktionen wurden fast nicht gefunden, weil wir das mit den Topangeboten nicht wussten. Tatsächlich waren wir bei Ablauf der Bilder auf Seite 19 gelistet!!!
Die anderen "Künstler" bieten Massenware an, teilweise vermutlich in China gemalt, mit falschen Fotomontagen, falschen Künstlernamen und sie werfen mit Begriffen wie "abstrakt", "informell" oder "konkrete Malerei" um sich, ohne zu wissen, was das eigentlich bedeutet (meist das Gegenteil von dem, was auf dem Bild ist). Aber der Käufer scheint noch weniger Ahnung zu haben ... und fällt auf so etwas herein ...
Die Folge: die Künstlerin malt jetzt ihre Ebay-Bilder nicht mehr auf slbstbezogener und selbstgrundierter Leinwand, sondern nimmt fertige, und malt "gefällige" Ebay-Bilder. Immer noch weit besser als das meiste was in Ebay angeboten wird, aber eben nicht zu vergleichen mit ihren "normalen" Arbeiten. Sie malt jetzt also zweigleisig. Ob das gut für die Kunst oder die Malerin ist, wage ich zu bezweifeln. Aber sie will das jetzt versuchen und entwickelt richtig Energie ... aber sicher nur für eine begrenzte Zeit, denn für so einen Hungerlohn arbeitet niemand lange. Dann ist es allemal besser, tolle Bilder zu malen und wenig zu verkaufen ... Vielleicht kann ich sie aber auch davon überzeugen, einige ihrer "normalen" Arbeiten anzubieten, dafür aber mit einem Startpreis ab 350 Euro ... Aber dazu müssen erstmal Strategien gefunden werden, dass ihre Ebayauktionen auch gefunden und angesehen werden. Nur wie?
Zum Thema "was ist Kunst". Es ist toll, dass sich so viele darüber Gedanken, machen, daher ein paar Hinweise von mir: Kunst lässt sich - im Gegensatz zur landläufigen Meinung - sehr wohl definieren und erkennen, dazu gibt es Kriterien. Und Kunst hat nichts mit "gefallen" oder Geschmack zu tun, denn das ist individuell. Einige dieser Kriterien:
Kunst kommt nicht von Können, wie viele glauben, sondern von "Künstlich" in Abgrenzung zum Natürlichen. Kunst muss also geschaffen werden. In Abgrenzung zum Kitsch (nicht negativ gemeint, Kitsch ist für Menschen lebensnotwendig) erfüllt Kunst keine Erwartungshaltung, gibt damit auch keine Sicherheit (das sind dagegen wichtige Funktionen von Kitsch). Kunst erfordert die Auseinandersetzung, die Konfrontation, das Nachdenken über das Bild. In diesem Sinne ist das oben erwähnte Katzenbild keine Kunst, sondern perfektes Handwerk (für solche Bilder kann man heute einen Fotoaparat nehmen), kein Wunder, dass die Malerin seit Jahren so nicht mehr malt (ich erinnere mich noch an die erste Ausstellung der Künstlerin mit abstrakten Werken, da kamen mehrere Besucher und meinten "aber sie haben früher doch so schön gemalt ...".
Fazit meiner Gedanken: Wer dekorative oder "gutgemachte" Bilder kauft, darf und soll das auch. Er sollte nur nicht glauben, dass er damit auch immer Kunst erhält.
Nur wie kann man dem Künstler aus diesem Dilemma helfen? Einerseits muss er leben, Material und Miete bezahlen etc. soll er deshalb den Markt befriedigen und billig produzieren also besser 100 Bilder für 120 statt zwei für 1200? Ich tendiere inzwischen eher gegen diese Meinung. Denn jeder andere Beruf wird auch ausreichend bezahlt. Dies muss für die künstlerische Arbeit auch gelten und das muss ins Bewusstsein der Käufer. Ich habe erlebt, wie ein mir bekanntes Ehepaar ein teures Bild erwarb. Innerhalb eines halben Jahres hatte sich das Wohnzimmer um das Bild herum verändert. Die beiden entwickelten Geschmack und lernten den Wert des Bildes richtig einzuschätzen. Bei den Billigbildern wird so eine Entwicklung nie stattfinden. Da wird weiterhin das Bild passend zum Sofa gekauft (und das alte Bild mitsamt dem alten Sofa weggeworfen). Ist der Kunstmarkt also doch in zwei Klassen getrennt: Die einen, die eine Ahnung haben und den Wert kennen und die anderen, die halt ein buntes Bildchen für möglichst wenig Geld an der Wand wollen? Soll (muss) man beide Märkte bedienen, um zu überleben? Wollen die Käufer überhaupt Kunst haben, denn viele scheuen die Auseinandersetzung mit dem Bild, weil sie meist die Auseinadnersetzung mit sich selbst scheuen. Sie wollen berieselt werden, nicht aufgerüttelt ... sie wollen konsumieren (das ist nicht negativ gemeint ... nach 8 Stunden Fließband will ich mich auch nur noch berieseln lassen ...) Mit all diesen Fragen quäle ich mich nun seit Tagen, seit ich die Bilder der Künstlerin in Ebay eingestellt habe. Bin gespannt auf eure Anregungen/Antworten
gruß
Jürgen |
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